Meine Praxisassistentin erzählte mir eines Tages wie zufällig, dass mein Vorgänger regelmässig seinen Schäferhund in die Praxis mitgenommen hatte: Was der konnte, das sollte doch auch für mich möglich sein! Meine neue Hündin sollte irgendwie genau gleich sein wie Gina, und doch ganz anders. Meine Schwester erzählte mir, sie habe kürzlich einen Hund gesehen, wie Gina, nur ganz schwarz. Wenige Tage später liess ich während dem Üben auf meiner Querflöte meinen Blick schweifen aus dem Dachfenster und erblickte plötzlich im Nachbarsgarten eine muntere Schar schwarzer Hundewelpen, die sich balgten – bevor ich noch denken konnte war ich schon draussen und stand fasziniert am Zaun: Ich hatte noch gar nicht bemerkt, dass meine Nachbarin Hundezüchterin war! Der Flat coated Retriever war für mich Liebe auf den ersten Blick, dies musste der Hund sein, von dem meine Schwester gesprochen hatte! Die Twilight Star’s Welpen waren bereits allesamt reserviert, aber Angie Lemberger wusste einen Wurf in Italien, gedeckt von einem Rüden aus ihrer Zucht, wo noch Hündinnen abzugeben waren.


Gipsy 1


Endlich war es soweit, wir fuhren nach Italien um unsere Hundewelpen abzuholen. Angie suchte fĂĽr mich die vielversprechendste HĂĽndin aus, denn falls alles stimmte, wĂĽrde Angie später mit ihr im Zuchtrecht einen Wurf planen – da sie meine direkte Nachbarin war, könnte ich dann jederzeit bei meiner HĂĽndin und ihren Welpen sein, ohne aber die Zuchtverantwortung tragen zu mĂĽssen. „Royal Silk Love at first sight“ genannt Gipsy, und ihrem Schwesterchen wurde auf der langen Autofahrt zurĂĽck in die  Schweiz ĂĽbel und die beiden erbrachen: Italienische Teigwaren!!   - anstelle des erwarteten „Eucanuba Puppy“ Futters, wie von der ZĂĽchterin behauptet. So erhielt Gipsy ihren Ăśbernamen „Pasta-Hund“, dem sie alle Ehre machte, denn Teigwaren blieben fĂĽr sie zeitlebens Leibspeise.


Gipsy 2


Meine Praxishündin Gipsy war eine pflegeleichte Hündin mit einem ausgeprägten, für die Retrieverrassen so typischen „Will to please“. Ihre Erziehung war ein Kinderspiel, sie tat nichts lieber auf der Welt als gehorchen, Kommandos ausführen und Leistung bringen. Am liebsten hätte sie den ganzen Tag lang apportiert! Sie war für einen Flat sehr ruhig und eher zurückhaltend aber nicht ängstlich, Händel mit anderen Hunden interessierten sie nicht, da hielt sie immer Distanz. Bei den langweiligen Unterordnungsübungen machte sie begeistert mit, und bald meisterte sie die Begleithundeprüfung mit Bravour (AKZ).


Gipsy 3



Bei Gipsy’s ausgeprägter Apportierfreudigkeit besuchten wir jahrelang jagdliche Trainings für Retriever, also Apportierübungen, wobei mit steigendem Niveau nebst den Stoff-Dummies auch Plastikenten, Fellhasen wie auch „cold game“, dh tote Tauben oder Enten, bis zum ausgestopften Fuchs aus schwierigstem Gelände (dichtes Unterholz oder reissende Flüsse) gesucht und apportiert wurden. Gipsy leistete dies alles mit grosse Einsatz, Zuverlässigkeit und Freude. Da sie sich auch auf Hundeausstellungen von ihrer besten Seite zeigte, konnten wir sie als „dual purpose Retriever“ starten lassen, im Schönheitswettbewerb wie auch beim Workingtest, beides jeweils mit sehr guten Resultaten.


Gipsy 4



Mit der sturen Unterordnung konnte ich nie viel anfangen, Gipsy’s Alltagsgehorsam genügte mir vollauf. Viel besser gefiel mir das sportliche Agility-Training, da waren Mensch und Hund gleichermassen gefordert, körperlich wie auch im Kopf! Die Trainings machten uns beiden grossen Spass, wir blieben jahrelang dabei, ohne aber vom Wettkampf-Fieber gepackt zu werden. Auf den Spass kam es uns an, nicht auf den Sieg.


Gipsy 5



Da Gipsy Wasser über alles liebte, freuten wir uns sehr, eine Zeitlang mit der Gruppe „swimming dogs“ am Sarnersee die Wasserhunde-Trainings besuchen zu dürfen. Hier lernte Gipsy, ein Boot ans Ufer zu ziehen oder einen „toten Mann“, einem Ertrinkenden einen Rettungsring zu bringen oder einem erschöpften Rettungsschwimmer mit seinem Patienten ans Ufer zu helfen. Ich selber lernte, mich mit dem Neopren-Anzug anzufreunden und meinen handschuhbewehrten Unterarm vertrauensvoll vom kräftigen Fang eines Rettungshundes packen zu lassen, denn Ertrinkende mimen, das mussten wir Hundeführer alle.


Gipsy 6


Gipsy war in ihrer ruhigen und freundlichen Art wie geboren für einen Dienst der besonderen Art: Mein Glück, mit einem Hund leben zu dürfen, wollte ich aus Dankbarkeit mit anderen, weniger privilegierten Menschen teilen. Wir meldeten uns für eine Ausbildung bei „Therapiehunde Schweiz“, und durften nach bestandener Prüfung als Therapiehundeteam verschiedenen Menschen in Betagtenzentren und psychiatrischen Institutionen ein bisschen Glück in den Alltag bringen. Die Sache begeisterte mich derart, dass ich zudem die Kursleiterausbildung absolvierte und später selber einige Ausbildungskurse für Therapiehundeteams organisierte und leitete.


Gipsy 7



Aus unseren Retriever-Jagdhundegruppen hatten sich die Spitzenteams fĂĽr einen internationalen Wettbewerb in England qualifiziert und ich reiste mit einigen der Gruppe mit, um unsere Leute anzufeuern und das ganze Spektakel live mitzuerleben. Die Game Fair auf einem riesigen Landsitz war ein echtes Highlight fĂĽr uns, und hier wurde neben den vielen Wettbewerben auch die ganze Jagdszene vorgestellt. So lernte ich erstmals die Beizjagd kennen, und sah einen Jagdhund, der mich begeisterte: Der Langhaar-Weimaraner faszinierte mich derart dass ich wusste: Falls ich nach Gipsy jemals einen anderen Hund haben wĂĽrde, so konnte dies nur ein Langhaar-Weimaraner sein!


Gipsy 8



Aus Gipsy’s Wurf ist nie etwas geworden, obwohl sie ihre Körung in allen Teilen mit sehr guten Resultaten bestanden hatte. Aus beruflichen GrĂĽnden waren wir inzwischen in die Zentralschweiz umgezogen, und eine eigene Hundezucht liess sich mit meinem beruflichen Engagement damals nicht vereinbaren. Ich hatte Gipsy kastrieren lassen, nachdem ich meine läufige HĂĽndin im Alter von sieben Jahren nur mit MĂĽhe und Not und dank der tatkräftigen Hilfe eines Passanten vor einem massigen Hofhund  in Gestalt eines potenten Berner SennenhundrĂĽden in Schutz bringen konnte.  Aber der Traum vom Weimaraner liess mich nicht mehr los.


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Die berufliche Belastung war für mich zunehmend gesundheits-schädigend geworden und irgendwann realisierte ich, dass ich mir endlich wieder Zeit zum Leben nehmen musste, koste es was es wolle. Ich entschied mich zum Verkauf meiner wunderschönen Praxis und begann, meinen Traum vom Langhaar-Weimaraner zu verwirklichen.


Gipsy 10


Mittlerweile hatten wir unser Schloss am See gefunden: Unser uraltes Haus am Hallwilersee mit Jahrgang 1765, bewohnbar zwar aber renovationsbedürftig, an schönster Lage mitten im Paradies für alle wasserliebenden Menschen und Hunde (wozu wir zweifellos gehören), und dies zu einem erschwinglichen Preis: Gesehen, verliebt und gekauft! Auf uns warteten zwei Jahre Leben auf der Baustelle, denn die Renovation sollte sanft und mit möglichst viel Eigenleistung vonstatten gehen; doch Schweiss und Muskelkater haben sich mehr als gelohnt, die täglichen Hundespaziergänge am See entschädigten uns für alle Mühsal, und boten uns Ruhepausen und Erholung wann immer dies nötig war.


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Gipsy wurde zusehends langsamer, müder, irgend etwas stimmte nicht mehr mit ihr. Ihr Arbeitswille blieb ungebrochen, aber die Kräfte liessen nach. Ein fortgeschrittenes chronisches Nierenversagen vergiftete zusehends ihren Körper, und als meine treue Hündin sich schliesslich sogar von den besten Leckerbissen abwendete und nicht mehr fressen mochte, da war mein Entscheid klar, sie nicht länger leiden zu lassen. Ich blieb bei ihr bis sie zur letzten Ruhe hinübergeglitten war, sah Phoenix aus der Glut aufsteigen und streute eine letzte Handvoll Asche an einem unserer Lieblingsplätzchen in den See. Ein schwieriger Abschied.






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